Abtreibung – Wie ist das im Islam?
Abtreibung – Wie ist das im Islam?
Im Februar 2007 brach eine lebhafte Diskussion los, als Baumeister Lugner mit einem sexualmedizinischen Zentrum, das auch Abtreibungen vornimmt, in die heftige Kritik von Weihbischof Laun geriet, da dieses in einem seiner gEbäude angesiedelt ist. Daraufhin wurden wir durch eine katholische Internetseite zu einem Interview gebeten. Hier eine adaptierte Fassung.
Der Schutz und die Unverletzlichkeit von Gesundheit und Leben ist eines der wichtigsten ethischen Prinzipien im Islam. Daher darf mit dem Thema Abtreibung nicht leichtfertig umgegangen werden. Allerdings können Situationen eintreten, die für die Frau die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs in einer Weise eröffnen, dass sie wegen ihres religiösen Gewissens hinterher nicht mit Schuldgefühlen kämpfen müsste.
Dazu gehört an erster Stelle jener Fall, sollte für die Frau eine Bedrohung der eigenen Gesundheit mit der Schwangerschaft verbunden sein. Die spezielle Lage, in der Frauen sich jeweils befinden, soll berücksichtigt werden, weshalb sich Gelehrte umfangreich Gedanken machten, welche Faktoren hier eine Rolle spielen könnten. Ausgeschlossen sind rein wirtschaftliche Überlegungen. Falls eine Frau, bzw. ihre Familie nicht die nötigen Mittel besitzt, ein Kind zu ernähren, so muss die Gesellschaft in die Pflicht genommen werden.
Im Zuge der tragischen Ereignisse in Bosnien während des Krieges, als es zu Massenvergewaltigungen kam und Musliminnen absichtlich geschwängert wurden, kam eine Fatwa (ein islamisches Gutachten) heraus, dass die besonderen psychischen Umstände der Frauen berücksichtigte und – vor allem da der Zeitpunkt nach der Empfängnis noch sehr früh war – einen Abbruch ausdrücklich legitimierte. Gleichzeitig wurde betont, dass die Frauen als Opfer nichts an ihrer Würde oder Ehre verloren hätten und Männer nicht zögern sollten, sie zu heiraten und die Kinder wie ihre eigenen aufzuziehen. Es ist auch bekannt, dass Babies ausgetragen wurden und hinterher zu muslimischen Pflegefamilien kamen.
Hier zeigt sich auch, dass in den verschiedenen muslimischen Rechtsschulen Überlegungen zum Zeitpunkt des Abbruchs angestellt werden. Theologisch wird dabei besonderes Gewicht auf den Moment gelegt, da dem Embryo die Seele eingehaucht wird. Danach ist ein Eingriff ungleich schwerwiegender. Damit sehen wir durchaus eine Vergleichbarkeit zur Fristenlösung.
Eine Abtreibung ist auf jeden Fall eine Entscheidung, die sehr gewissenhaft geprüft werden muss. Dabei soll auch die häufige Erfahrung bedacht werden, wie oft Frauen später noch mit diesem Erlebnis kämpfen und mit dem Eingriff seelisch schwer fertig werden. Empfängnisverhütung ist daher einem verheirateten Paar anzuraten, wenn kein Kinderwunsch (mehr) besteht, damit solche Konflikte ausgeschlossen werden. Hier stehen auch aus Sicht der Theologie verschiedenste Möglichkeiten offen. Bevorzugt werden aber jene Methoden, die eindeutig nicht bei einer in Einnistung begriffenen befruchteten Eizelle ansetzen. Denn es soll eindeutig ja um Schwangerschaftsverhütung gehen und nicht – wie mitunter bei der Spirale (so nicht in Form der Hormonspirale) – um eine Art sehr frühen Abbruchs.
Durch Weihbischof Launs Thematisierung einer “Exkommunikation” von Richard Lugner wegen einem in der Lugener City befindlichen sexualmedizinischen Zentrum, ist es in österreich zu einer Diskussion gekommen. Wir halten es auf jeden Fall für ungeschickt, ein solches Zentrum, in dem u.a. auch Abtreibungen vorgenommen werden, in einem “Einkaufstempel” unterzubringen, auch wenn ein separater Eingang vorliegt. Denn damit ist auch eine sehr problematische unterschwellige Aussage verbunden.
In Österreich gibt es zum Thema Abtreibung eine eindeutige gesetzliche Regelung. Nur in diesem Rahmen können Einrichtungen wie die angesprochene agieren. Moralisch muss jeder Mensch selbst entscheiden dürfen, wie man sich mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzt. Vernünftig wäre gewiss, es hier so zu halten, wie auch bei anderen Religion und Glauben betreffenden Fragen: Wozu man aus ganzem Herzen steht, kann man, selbst wenn man noch so sehr von der Wahrheit dieser Haltung überzeugt ist, anderen als Gedanken nicht „einpflanzen“. Daher kann es nur darum gehen, Frauen mit ungewollter Schwangerschaft umfassende Hilfestellung – aber frei von psychologischer Manipulation in Richtung moralischer Angstmache – anzubieten, die sie womöglich dazu bewegen mag, das Kind zu behalten.
Schließlich sollen wir auch daran denken, wie viele Frauen in Zeiten der illegalen Abbrüche in die Hände der so genannten Engelmacherinnen getrieben wurden und elend an unprofessionellen Operationen starben. Alles Moralisieren hat auch dann einen besonders üblen Beigeschmack, wenn die Verantwortung allein zu den Frauen gelegt wird. Auch hier sind die historischen Erfahrungen traurig, wenn man sich der vielen kriminalisierten Frauen erinnert, während sich die Männer davonstehlen durften.
Carla Amina Baghajati
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