Österreichs Muslime und das Bundesheer
Österreichs Muslime und das Bundesheer
Steigende Zahl muslimischer Präsenzdiener
Nicht erst seitdem die zweite und dritte Generation der vornehmlich aus der Türkei und Ex-Jugoslawien eingewanderten ehemaligen „Gastarbeiter“ als Präsenzdiener ihren Dienst beim österreichischen Bundesheer ableisten, können wir von einer muslimischen Beteiligung bei der Landesverteidigung sprechen. Denn durch die Tatsache, dass Bosnien Herzegowina einen Teil der Donaumonarchie bildete, findet sich in Österreich ein in Europa einzigartiger geschichtlicher Hintergrund für die Integration des Islam. Damals schuf man mit dem 1912 datierenden Islamgesetz den Rahmen für die gesetzliche Anerkennung, der die freie und öffentliche Religionsausübung garantiert und innere Autonomie für die Regelung der religiösen Angelegenheiten gewährt. Hier wurde eine Basis gelegt, auf deren Grundlage die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich als offizielles Vertretungsorgan aller Muslime im Lande 1979 ihre Arbeit als Bindeglied zwischen muslimischer Bevölkerung und staatlichen Institutionen aufnehmen konnte.
Während der Monarchie wurde die Brigade der Bosniaken legendär. Ihnen stand mit einem Imam ein eigener geistlicher Beistand zur Seite. Heute stellen die Muslime die bereits zweitgrößte Glaubensgemeinschaft beim Bundesheer. Nicht ohne Grund genießt der Dienst, den die jungen Männer beim Militär leisten, in der öffentlichen Meinung einen hohen Ruf. Hier liegt nicht nur ein Lebensabschnitt begründet, der die eigene Persönlichkeit entscheidend weiterentwickelt, sondern in der auch das Bewusstsein der eigenen gesellschaftspolitischen Verantwortung für das Wohl Österreichs gestärkt wird. Sich aktiv für die Sicherheit und den Frieden in Österreich einzusetzen, prägt auch für den weiteren Lebensweg. Spezielle Kenntnisse zu erwerben und dabei den Gemeinschaftssinn zu pflegen, um in Krisensituationen, die oft auch humanitäre Hilfsaktionen verlangen, für Entspannung zu sorgen, ist eine Bereicherung. Die Identität als lebendiger Teil Österreichs wird so gefördert.
„Integration durch Partizipation“ ist als Motto viel zitierte Leitlinie der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Der Präsenzdienst ist ein wesentlicher Bereich, durch den Muslime ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich unter Beweis stellen können. Hier kann auch nach außen besonders sichtbar werden, dass es für uns als Muslime kompatibel ist, eine islamische Identität mit dem Bewusstsein Teil Österreichs zu sein, zu verknüpfen. Die Religion Islam ist absolut vereinbar mit einer demokratischen, pluralistischen, rechtsstaatlichen und menschenrechtskonformen Auffassung.
So wie wir in Österreich die Grundlage für einen gleichberechtigten Umgang mit Menschen muslimischen Glaubens vorfinden, wird die Integration prinzipiell gefördert. Am Beispiel des Bundesheeres zeigt sich dies besonders. In keinem anderen Bundesland ist die Zahl der Präsenzdiener größer als in Wien. Ganz bewusst wird an alte Traditionen angeknüpft, wenn auf die Bedürfnisse von Muslimen ganz selbstverständlich eingegangen wird. Hier erkennt man gerade in einer weltoffenen Stadt wie Wien, wie sich Integration so zu einem beidseitigen Prozess gestaltet, indem gegenseitiges Verständnis, Respekt und Akzeptanz gepflegt werden. Viele junge Muslime nehmen die Möglichkeit wahr, sich bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft vorzustellen um eine Bescheinigung zu beantragen, die sie gegenüber den verantwortlichen Stellen beim Bundesheer als „praktizierende Gläubige“ ausweist. So braucht niemand zu befürchten, keine Nahrung vorzufinden, die nicht im Einklang mit den islamischen Speisegeboten stünde. Gebetszeiten und speziell das Freitagsgebet können eingehalten werden und zu den islamischen Feiertagen bekommen die jungen Männer dienstfrei.
Als besonders erfreulich können wir die Entwicklung an der Maria Theresien Kaserne bezeichnen, in der Wiener Rekruten bevorzugt Aufnahme finden. Hier wurde erst im Februar 2004 unter Anwesenheit politischer Prominenz und ranghoher Offiziere ein eigener Gebetsraum eröffnet. Das Freitagsgebet kann nun an Ort und Stelle abgehalten werden. Dafür ist ganz besonders Herrn Generalmajor Karl Semlitsch, Militärkommandant von Wien zu danken, der mit seinem Verständnis und seinem aktiven Einsatz bei der Durchführung dieses alten Wunsches nach einer derartigen Stätte federführend war. Mit ihm verbindet sich auch sonst ein enger freundschaftlicher Kontakt, der die guten Beziehungen zwischen Islamischer Glaubensgemeinschaft und dem Bundesheer weiter stärkt.
Wenn der religiöse Hintergrund praktizierender Muslime beim Bundesheer respektiert wird, kommt dem gerade in der heutigen Zeit eine ganz besondere Bedeutung zu. Diese jungen Männer können durch ihr Engagement für die Sicherheit Österreichs und ihr persönliches Auftreten wirksam das Bild eines voll integrierten Muslims vermitteln, dessen religiöse Identität gleichzeitig akzeptiert ist. Vor dem Hintergrund der vielen Menschen Sorge bereitenden weltpolitischen Situation und der oft unerquicklichen Diskussion um einen „clash of civilisations“ setzen Österreichs Muslime hier gemeinsam mit dem österreichischen Bundesheer ein wichtiges Zeichen.
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Publiziert am: 2004-05-14
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